Bochumer Botanischer Verein e. V. - Exkursionen
Steinbruch Rauen in Witten-Gedern - 11.10.2009



Der große Steinbruch Rauen in Witten-Gedern (MTB 4510/33) bietet einen äußerst anschaulichen Einblick in den Untergrund des Steinkohlengebirges und macht die geologische Entwicklung hautnah erlebbar. Erwandert wurde das 200 m mächtige Gesteinspaket, welches neben einer Vielzahl geologischer Highlights auch Relikte des Steinkohlenbergbaus aufweist. Die urzeitliche Flora und Fauna ist in zahlreichen Fossilien überliefert.

Protokoll im Jahrbuch
Gesamtartenliste


Der mächtige Steinbruch ...

... an einem trüben Herbsttag.


Am Eingang auf einer neugeschütteten Böschung findet sich viel Angesätes, wenig davon ist einheimisch, aber es fördert die Artenkenntnis.


Mauretanische Malve (Malva sylvestris subsp. mauritiana) von Mauritius

Fenchel (Foeniculum vulgare) und ...

Inkarnat-Klee (Trifolium incarnatum) aus dem Mittelmeerraum

Die Rote Borstenhirse (Setaria pumila). Ihre fuchsroten Borsten sind nicht etwa die Grannen! Sie stehen an der Basis der Ährchen, die hier bereits rausgefallen sind.

Der Kümmel (Carum carvi). Natürliche Vorkommen der bei uns heimischen Art sind heute sehr selten geworden.

Sein typisches Blatt...

... mit den kreuzförmig stehenden Fiederchen an der Basis der Fiedern 1. Ordnung (Kreuzkümmel ist es deswegen nicht!)

Am Weg am Gebüschrand eine Rote-Liste Art: die Raue Nelke (Dianthus armeria)


Aber nun beginnt der geologische Teil:

Zur Zeit des Oberkarbons war das heutige Ruhrgebiet eine riesiger Deltabereich, welcher in etwa mit dem heutigen Orinokodelta zu vergleichen ist. Aus dem südlich gelegenen Variskischen Gebirge, welches noch heute in Form von Bergischem Land, Sauerland u.a. Bestand hat, wurden von den Flüssen große Sedimentmengen zur Küste transportiert. Die Flussfracht wurde dort in einem tektonischen Senkungsbereich abgelagert. In dieser subvariskischen Senke lagerten sich so im Laufe des Oberkarbons 4000 m mächtige Sedimentschichten ab, aus denen sich auf die Ablagerungsbedingungen rückschließen lässt. Bemerkenswert ist die zyklische und sich vielfach wiederholende Abfolge der Sedimentgesteine:
Transportierten die Flüsse mehr Sand in die Küstenebene als durch die Absenkung ausgeglichen werden konnte, so verlandete der Bereich und es wuchsen ausgedehnte urzeitliche Wälder aus großen Schachtelhalmen, Farnen und baumgroßen Bärlappgewächsen. Das abgestorbene Pflanzenmaterial fiel in den sumpfigen Boden. Durch den fehlenden Sauerstoff wurde es kaum zersetzt und vertorfte. So entstanden mächtige Moore, aus denen sich später die Steinkohlenflöze bildeten. Senkte sich die Küstenebene oder stieg der Meeresspiegel wieder an, wurden diese Sumpfwälder vom Meer überflutet und es lagerten sich feinkörnige Sedimente (Schluff und Ton) ab. Diese Sedimentationsabfolge wiederholte sich mit leichten Variationen. Unter dem Druck der überlagernden Sedimentschichten verfestigten sich die lockeren Ablagerungen zu Festgestein. Die Tonsteine wurden durch den hohen Druck und die hohen Temperaturen metamorph überprägt und zu Tonschiefer umgewandelt, der eine besonders plattige Struktur aufweist ("Dachschiefer"). So entstanden die für das Ruhrkarbon typischen Zyklen (neuerdings Sequenzen genannt) aus Sandstein, Steinkohlenflöz und Tonstein bzw. Tonschiefer.
Gegen Ende des Oberkarbons wurden auch diese Ablagerungen mit in die Gebirgsfaltung der variskischen Orogenese miteinbezogen.
Im Steinbruch Rauen lassen sich mehrere der schräggestellten Schichtfolgen erwandern. Sie gehören stratigraphisch in das Namur C des flözführenden Oberkarbons. Genauer handelt es sich um die Unteren und Oberen Sprockhöveler Schichten.
Eine solche Wand ...


will erklärt werden:

Bei dieser "Wand" handelt es sich um eine im Zuge der Gebirgsfaltung aufgebogene Schichtfläche aus Tonschiefer. Bemerkenswert sind die Rippelmarken, die beweisen, dass es sich bei dieser Fläche um einen karbonzeitlichen Grund eines Wattenmeeres handelt.

Das Gebirge reagierte jedoch nicht immer auf den tektonischen Druck kollidierender Erdplatten so plastisch wie im Falle der Gebirgsfaltung. Die hellen Lockergesteine im rechten Bildbereich stellen die Füllung einer Spalte im Gebirge dar. Diese Spalte öffnete sich an einer Störungszone, an der zwei Gebirgsblöcke gegeneinander verschoben wurden (der rechte Gebirgsblock fiel dem Steinbruchbetrieb zum Opfer).

Angelangt auf der ersten Steinbruchsohle geht es los mit ...

... dem Flöz Gottessegen. Dieses trägt seinen Namen zu Unrecht, ist es doch zumindest hier aufgrund seiner Verunreinigungen durch Ton und Sand nicht abbauwürdig. Das Moor, das dieses Flöz bildete, wurde von einem Meer überflutet, wie die darüber liegende Schicht aus Tonstein erkennen lässt.

Über dem Tonstein folgt ein mächtiges
Sandsteinpaket ...


... mit deutlicher Schichtung.


Aufgepasst!


Botanik aus sehr alten Zeiten (alles Rote Liste Null) ...


Siegelbaum ...

... und Schachtelhalm, ...


... hier umgeknickt.


Die Gedanken schweifen ab
ins Geschehen
vor Jahrmillionen...

Weitaus pragmatischer:
die heutigen Anwohner ...

Eine Spinne schreitet gedankenlos durchs Karbon und sucht nach Nahrung, ...

... ein Fliegenpilz schiebt unbeeindruckt seinen herbstlichen Hut durchs rohe Gestein,...

... ein Jugendlicher mit Migrationshintergrund (Robinie) fasst Fuß.

Oben angekommen
 


Blick ins düstere Ruhrtal mit dem Ruhr-Viadukt


Und noch eine Böschung, die mit Erde überdeckt und eingesät wurde.

Bringt wiederum neue Arten, fast mehr als der natürlicherweise artenarme, weil bodensaure Steinbruch.

Mit der Erde wurden außerdem ungewollt Arten eingeschleppt wie der Sachalin-Staudenknöterich (Fallopia sachalinensis) ...

Er regt zur Diskussion an, was es eigentlich bedarf ...

... ein reiner sachalinensis zu sein ...

Hier spricht jedenfalls alles dafür.

Und seine kleine Schwester, der Japanische Staudenknöterich (Fallopia japonica) steht daneben: Die Zukunft der Böschung dürfte damit vorprogrammiert sein.

Weitere Böschungsarten: Chinaschilf (Miscanthus chinensis)

Giftbeere (Nicandra physalodes)

Früchte aus Amerika: die Tomate (Solanum lycopersicon) ...

... und Zierkürbis (Cucurbita pepo convar. microcarpina)

Mutterkraut (Tanacetum parthenium)

Kreuzblättrige Wolfsmilch (Euphorbia lathyrus)

Zurück zur Wand: Ein alter Seeboden mit einem fossilen Muschelpflaster. Es handelt sich um Brackwassermuscheln der Gattungen Carbonicola und Naiadites.

Visualisierung eines fossilen Flusstales kurz vor seiner Mündung ins Meer

Es handelt sich um den Neuflöz-Sandstein, der von einem Fluss während eines Tiefstandes des Meeresspiegels abgelagert wurde.

Die Schüttung des Sandsteins erfolgte offenbar durch "katastrophale" Hochwässer, wie eine Lage zusammengeschwemmter Drifthölzer im unteren Teil zeigt:

Verkohlte Drifthölzer bilden das ungewöhnliche Flöz Neuflöz

Die Entdeckung eines Flözes.


Weitere Beobachtungen im Steilbruch.

Neben Säurezeigern wie dem Kleinen Sauer-Ampfer (Rumex acetosella) ...

... und dem Wald-Ehrenpreis (Veronica officinalis) ...

... ein überraschender Fund: Die Hirschzunge (Asplenium scolopendrium) in einer Felsspalte. Die Art kommt sonst auf basischem Gestein vor.

Das x-te und letzte Flöz des Tages: Es wurde in der oberen Bildhälfte abgebaut. Der entstandene Hohlraum wurde anschließend von den Bergleuten (hier nachgestellt durch Steiger Mörtl) wieder fachmännisch verfüllt.
 
Ansprechpartner: Botanik: Armin Jagel
Geologie: Till Kasielke