|
|
|
Flechte
des Jahres 2009 Porträt
als pdf Diese Flechtenart gehört zu der umfangreichen Gattung Cladonia, den Becher-, Säulen- und Rentierflechten. Innerhalb dieser Gattung bilden die Rentierflechten eine eigene Gruppe nah verwandter Strauchflechten, die aufrechte, reich verzweigte Stämmchen aufweisen, die an ein unbelaubtes Bäumchen oder ein übermäßig gegliedertes Geweih erinnern. Sie werden auch als eigene Gattung Cladina in einigen Bearbeitungen abgetrennt. Der Name Rentierflechte bezieht sich jedoch weniger auf die Gestalt als auf die Tatsache, dass diese in Skandinavien besonders in der nördlichen (borealen) Nadelwaldzone und in der Tundra weit verbreitet ist und einen Hauptbestandteil der Nahrung für Rentiere insbesondere im Winter ausmacht (so benötigen Rentiere angeblich 2 kg Trockengewicht Flechten täglich und können in Gefangenschaft nur überleben, wenn ihnen Flechten in die Nahrung beigegeben werden). Elche und Moschusochsen in der hohen Arktis ernähren sich ebenfalls wintertags fast ausschließlich von Rentierflechten. |
|
![]() Die Echte Rentierflechte, Cladonia rangiferina |
Für die menschliche Ernährung hat die Rentierflechte keine wirkliche Bedeutung, dennoch wurde sie in Notzeiten gesammelt und gegessen. Volkstümlich wird ihr bisweilen der Name "Isländisch Moos" zugeschrieben, der sich jedoch korrekterweise auf die Flechtenart Cetraria islandica bezieht. Da letztere als Arzneipflanze genutzt wurde, gab es in den Zeiten der Volksmedizin früher auch Verwechslungen und statt dem echten Isländisch Moos wurden Rentierflechten eingesetzt; über die Wirkungen ist allerdings nichts bekannt. |
| Der Name Isländisch Moos oder Rentierflechte wird auch bei Modellbauern, z. B. für Modellbahnlandschaften, benutzt, bezieht sich jedoch auf eine weitere Art, die Alpen-Rentierflechte (Cladonia stellaris), die sehr viel zartere Stämmchen aufweist, die außerdem halbkugelig oder kuppelförmig vorgewölbte Endabschnitte aufbauen. Dies ist auch die verbreitete Flechte (oft als "Moos" tituliert) in Grabgestecken und Weihnachtsdekoration; sie wird zu diesem Zweck in großen Mengen aus Skandinavien exportiert. | |
![]() Alpen-Rentierflechte (Cladonia stellaris) in einem Grabgesteck ... |
![]() |
|
|
![]() ... und als Einfassung in einem Kranz |
| Doch zurück zur Echten Rentierflechte: Auf dem Untergrund hebt sich die Echte Rentierflechte durch ihre grauweiße, helle, matte Farbe, die nur an den Astspitzen braun angelaufen ist, deutlich ab. Darin ist sie relativ konstant und unterscheidet sich dadurch von den meisten anderen Rentierflechtenarten, die überwiegend etwas grauer, brauner oder grünlicher sind. Die Äste der Stämmchen sind an der Spitze einseitswendig, von einer Verzweigungsstelle gehen drei oder vier Äste ab. Blättchen und Schuppen fehlen ganz (auch bodenständige Blättchen sind nicht vorhanden), lediglich die Stämmchenoberfläche wirkt bei näherer Betrachtung etwas filzig. Will man bei der Bestimmung ganz sichergehen, dann muss der Chemikalienschrank herhalten: Bei Beträufelung mit Kalilauge färbt sich die Oberfläche der Stämmchen und Äste gelb oder zumindest schwach gelblich, nimmt man para-Phenylendiamin-Lösung ergibt sich eine hellrote bis orange Färbung, Natriumhypochlorit-Lösung zeigt hingegen keine Reaktion. Fruchtkörper (Apothecien) bildet die Echte Rentierflechte nur selten aus. | |
|
Die Echte Rentierflechte ist, wie erwähnt, eine typische und überall häufige, massenhafte Erscheinung der flechtenreichen Rasen der Tundrenzone und geht weit nach Norden in arktische Gebiete. In Westfalen ist die Art angeblich ehemals sehr häufig auf Sandböden in lückigen Zwergstrauchheiden, in Sandmagerrasen und offenen Borstgrasrasen sowie an offenen Silikatfelsstandorten vorgekommen, vor allem in kühl-feuchten Lagen. Inzwischen ist sie extrem zurückgegangen und sicher stark gefährdet, findet sich allerdings an einzelnen Stellen im Hochsauerland zwischen Meschede, Warstein, Rüthen und Brilon (nicht nur noch bei Bredelar, wie in der Literatur angegeben). Auch konnte sie vor einigen Jahren zusammen mit dem Isländisch Moos in einem kleinen Vorkommen in der Hochheide auf dem Kahlen Asten nach langer Zeit wiedergefunden werden. Da diese Art auf sauren, offenen Böden vorkommt, ist sie durch die allgemeine Nährstoffanreicherung in der Landschaft besonders bedroht und verschwindet bei Verdichtung der Vegetation relativ schnell. Viele ehemalige Standorte sind heute vergrast, in Ackerland umgewandelt oder durch Anlage von Forsten zu sehr beschattet. |
|