Bochumer Botanischer Verein e. V. - Bilder/pictures


Eidechsenwurz - Sauromatum venosum (= Sauromatum guttatum, Araceae)

Armin Jagel & Peter Gausmann

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Einleitung
In Gartencentern findet man im Herbst oder Winter manchmal die Knollen der Eidechsenwurz (Sauromatum venosum = S. guttatum, manchmal auch Arum cornutum genannt). Man kann diese Knollen so wie sie sind auf die Fensterbank legen, und im Frühjahr erscheint dann eine außergewöhnliche "Blüte". Aufgrund dieser ungewöhnlichen Kultur wird die Art auch schon mal "Wunderblume" genannt. Neben dem spektakulären Blütenstand, wird die Art aber auch wegen ihrer attraktiven, fußförmigen Blätter kultiviert.
Die Stiele der Blätter sind etwa 50 bis 75 cm lang und gepunktet die Blattspreite wird bis zu 50 cm breit. In NRW wurde im Jahre 2008 erstmals ein verwildertes Vorkommen dieser Art nachgewiesen.

Verbreitung und Name
Die Art ist in Afrika (Kamerun, Tanzania, Äthiopien) über den Jemen bis nach Nord-Myanmar verbreitet. Nach Europa gelangte sie 1848 erstmals in den Botanischen Garten Kew (London) durch Sir W. J. Hooker. Der Name der Pflanze stammt vom griechischen "sauros" = Echse und "venosum" = venenartig gezeichnet. Besser passt allerdings der alte, ungültige Name "maculatum" = gefleckt, was sich sowohl auf die Innenseite der Spatha, als auch auf die Blattstiele beziehen kann.
Der Name "Wunderblume" bezieht sich wohl auf den Umstand, dass diese Pflanze ohne Erde und Wasser einen eindrucksvollen Blütenstand hervorbringt.

Bestäubungsbiologie
Bei der "Blume" der Eidechsenwurz handelt es sich morphologisch nicht um eine einzelne Blüte, sondern um einen Blütenstand, dieser
stellt den Typ einer sog. "Kesselblume" dar, wie er in der Pflanzenfamilie der Aronstabgewächse (Araceae) typisch ist. In der heimischen Flora tritt als Beispiel für einen solchen Blumentyp der Aronstab (Arum maculatum) auf, der allerdings wesentlich kleiner und damit weniger spektakulär ist. Aufbau und Mechanismus des Blütenstandes entsprechen sich weitgehend. Der gesamte Blütenstand der Eidechsenwurz wird von einem großen auffällig gefärbten Hochblatt, der Spatha, umgeben, welches auf der Innenseite auf gelblichem Grund eine Fülle brauner Flecken aufweist. Diese Spatha umschließt im unteren Teil den sog. "Kessel".


Innenseite der Spatha mit braunen Flecken auf gelben Grund

Der oben offene Kessel, aus dem der Kolben herausragt, der einen stinkenden Geruch verströmt.

Hierin befindet sich der eigentliche Blütenstand. Er besteht aus verschiedenen Zonen an die an einer zentrale Säule stehen: im unteren Teil befinden sich die weiblichen Blüten, die zuerst aufblühen (Protogynie). Nach oben hin folgen viele männliche Blüten. Das obere Ende des Blütenstandes bildet ein Kolben (Spadix), auch Keule genannt. Dieser Kolben enthält Stärke, die "verheizt" wird, wodurch der Kolben eine weitaus höhere Temperatur aufweist, als der Rest der Pflanze. Die Temperatur ist bis zu 16 °C höher als die Außentemperatur. Folge dieses Aufheizens ist die Verströmung eines intensiven Aasgeruches. Fliegen werden von Ferne durch die Färbung der Spatha und in der Nähe durch diesen Aasgeruch angelockt und rutschen in den Kessel ab, aus dem sie aufgrund der glatten Wände nicht entkommen können. Im Kessel übernehmen die "Opfer" durch Herumlaufen die Bestäubung der weiblichen Blüten. Sie streifen die Pollen ab, die sie von zuvor besuchten Pflanzen mitgebracht haben. Nach der Bestäubung der weiblichen Blüten öffnen sich nun die männlichen Blüten und stäuben die Fliegen über und über mit Pollen ein. In der Regel verwelken die Blütenstände bereist nach einem Tag, so dass die Fliegen die Kessel verlassen können und weitere, den folgenden Tag aufblühende Pflanze bestäuben können. Die Art wird auch bei uns weitab von ihrer Heimat erfolgreich bestäubt, hierzu sind allerdings aus den oben geschilderten Umständen mehrere, nacheinander blühende Pflanzen nötig. Im Herbst entstehen dann rote Früchte.

Kultur
Der beschriebene Aasgeruch ist für die menschliche Nase außerordentlich unangenehm, weswegen der Platz auf der Fensterbank nicht anzuraten ist. Wenn sich die Blütenstände öffnen ist es zumeist draußen bereits warm genug, so dass man die Pflanzen ins Freie stellen kann. Nach der Blüte nach den Eisheiligen kann man die Knollen dann auch in den Garten pflanzen. Hält man sie als Topfpflanze kann man den Wuchs der Blätter durch wöchentlich Gabe von Dünger fördern. Die Knollen können in wintermilden Gebieten zwar auch im Garten überwintern, erfrieren aber häufig oder verfaulen in zu nassen Böden. Nach der Reife der Früchte verwelken die
Blätter rasch und die Töpfe bzw. die Knollen werden wieder ins Haus genommen. Man kann sie nun völlig austrocknen lassen, sofern sie an einem kühlen Ort aufbewahrt werden, Licht ist hierbei nicht vonnöten. Erst wenn sich im folgenden Frühjahr die neuen Blütenstände entwickeln, können die Pflanzen wieder ans Licht geholt werden. Die Knollen haben im Vorjahr viele neue Tochterknollen gebildet, die nahe der Oberfläche liegen, die aber im ersten Jahren noch nicht blühen, sondern lediglich ein Blatt hervorbringen.

Verwilderung in Nordrhein-Westfalen
In Nordrhein-Westfalen gelang der erste Nachweis einer spontanen Verwilderung der Eidechsenwurz in Deutschland (GAUSMANN 2008). Der Fundort befindet sich in Herne an einem Waldrand eines urbanen Buchenwaldes mit einer spärlich entwickelte Krautschicht. Hier wurde im Juli 2007 eine Population von Sauromatum venosum aus zwölf Individuen gefunden. Die Pflanzen entwickelten etwa 70 cm hohe Blätter mit kräftigen Blattstielen. Im Juni 2008 kamen diese Pflanzen dann zur Blüte. Weitere Beobachtungen zum Potential der Ausbreitung der Eidechsenwurz stammen aus Dortmund von Patrick Knopf, der im Jahr 2003 15 Individuen in seinem Garten in Kultur nahm. Diese blühten und fruchteten reichlich. Im darauf folgenden Frühjahr (April, Mai) wurden über 100 Jungpflanzen an Trockenmauern und in Beeten mit humosem Boden gefunden. Belassene Exemplare wurden von Jahr zu größer und überstanden bislang die Winter ohne Schaden zu nehmen, gelangten bis jetzt aber noch nicht zur Blüte.
Mittlerweile ist eine zweite Verwilderung der Eidechsenwurz aus der Oberpfalz (Bayern) bekannt geworden (unveröffentlicht), ebenfalls im Juli 2007. Beim Wuchsort handelte es sich, wie in Herne, um einen Wald.


2007 verwildert in Herne (P. Gausmann)

2007 verwildert in Herne (P. Gausmann)

2007 verwildert in Herne (P. Gausmann)

2008, die 2007 in Herne gefunden Pflanzen gelangen zur Blüte (P. Gausmann)

Literatur:
GAUSMANN, P. 2008: Ein spontanes Vorkommen der Eidechsenwurz (Sauromatum venosum [AIT.] KUNTH) im Ruhrgebiet. - Flor. Rundbr. (Bochum) 41: 1-5.
OTT, G. 1989: Die Eidechsenpflanze, Sauromatum venosum (Ait.) Kunth. - Palmengarten (Frankfurt) 52(2): 126-129.